Eröffnungsrede Mistelbuch Premiere 17.4.2026
Eröffnungsrede vom 17.4.2026 im Rahmen der ersten Lesung des Literaturverein Mistelbach, Ort: Bibliothek des ehem. Barnabitenklosters Mistelbach
Dieses Gebäude, dieses ehemalige Kloster, wurde im Jahr 1700 erbaut, über die Zeit seines Bestehens bewohnt, bemalt, beseelt und rund um seine Mauern zogen die Jahrhunderte voller Glück und Leid und vielfältiger Bedeutung vorüber. Diese Mauern sahen 300 Mann aus Mistelbach vorbeimarschieren, als sie sich Richtung Wien aufmachten, um die Revolution von 1948 niederzuschlagen. Die Toten der Cholera trug man hier vorüber, um sie in Paasdorf der Erde zu übergeben. Es sah dabei zu, wie die Eisenbahn durch den Ort und darüber hinauswuchs und wucherte. Es sah die Grundsteinlegung des Rathauses. Nur zwei Tage nach dem Anschluss, sah es, wie die Boykottwachen ausrückten und es hörte, wie sich die schlechtesten der Stadt ihrer Eile rühmten. Es sah all die großen Gräuel einer Stadt im Herzen Europas, die kleinen Grausamkeiten, die damit einhergehen. Die Steine erinnern sich auch an die Feuer aus der Zeit vor ihrer Existenz als Klostermauern. Aber sie erinnern sich auch an das Gute, die Gesten des Zusammenhalts, der Gastfreundlichkeit, der Güte, die im Angesichts aller Katastrophen und ihrer Mahnmäler selten Platz in den Zeilen der Geschichtsschreibung finden. Ein geschichtsträchtiger Ort also: Trächtig – trägt die Geschichte, stützt das Gewölbe der Erinnerung. Es Trägt sie zur Rückschau, präsentiert sie als Zeuge dem Gegenwartsgericht. Ein Ort der uns, den Gegenwärtigen, über Vergangenheit Zeugnis ablegt. Dabei läuft ein solcher Ort Gefahr zu versteinern, Gefahr zum Fossil erklärt zu werden – zum Museum, schlimmer, zum Ausstellungsstück, wie es vielen unserer Schlösser und Kirchen widerfährt. Nein. Das wollen wir zu verhindern wissen. Machen wir diesen Ort der Geschichts- und Geschichtenschreibung zum Basislager einer Expedition. Denn wenn es eine Sache gibt, die uns dieser Ort mit seinen Jahrhundertealten Mauern beweist, dann ist es die Möglichkeit einer Zukunft, eines ewigen Jetzt, das ewig auf ein ewiges Jetzt folgt. Trächtig – trägt die Geschichte und ihre Geschichten als Potential, als unendliche Möglichkeiten, gebiert sie. Die Geschichte als ewig Schwangere, ewig Gebärende, erzeugt das nächste, immer nächste Jetzt aus dem was war und dem, was wir hinzugeben. Aber nur, wenn wir davon erzählen, wenn wir es als möglich anerkennen, spekulieren, herbeifantasieren, aufschreiben und mit unseren Mitmenschen teilen. Spekulieren, fantasieren, berichten, vermengen, destillieren, verwässern, trinken, verschlingen, verdauen, erinnern, erleben. Das ist Literatur, das ist Erzählen, das ist Leben. Und das ist eine ernste Sache, aus deren Ernst, der Wahrhaftigkeit, sich der Spaß, die Freude und Leichtigkeit eines lustigen Gedichts, einer Satire, eines Liedes, erst ergibt. Wir erzählen die Zukunft, ernst, dann lustig, spekulieren ernst, dann lustig und weben daraus das Jetzt. Lassen wir den trächtigen Ort uns gebären und auf eine Reise schicken, damit wir ihm bei unserer Heimkehr mit unseren Geschichten neue Geschichte mitbringen können. Die Reise beginnt mit dem Aufbruch, findet ihre Schönheit in sich selbst und in der Rückkehr. Sie braucht einen Ausgangspunkt aber kein Ziel. Machen wir uns also heute Abend diesen Ort zum Basislager. Brechen wir auf und kehren wir heim.

